Die Schäßburger sächsische Presse von 1869 bis 1900
Referat zur Doktorarbeit von Nicolae Tescula
Seit geraumer Zeit bin ich mit dem Aufbau eines privaten Zeitungsarchivs
aller Schäßburger Zeitungen beschäftigt und habe schon
einen guten Teil zusammengetragen.
Anfang des Jahres erfuhr ich von Walter Lingner, dass in Schä߬burg
ein junger Mann namens Nicolae Tes¸cula? , sich ebenfalls der sächsischen
Presse widmet.
Im Sommer 2005 besuchte ich unsere Vaterstadt und lernte im Stundturmmuseum
Herrn Tes¸cula? persönlich kennen. Es ist ein netter junger
Rumäne, der im Rahmen seiner Doktorarbeit ein 43 Seiten starkes Referat
(Typoscript): „Presa sa?seasca sighis¸oreana? 1869-1900“
an der Universität Klausenburg 2005, erstellt hat.
Hören wir nun, was Herr Tes¸cula? über das siebenbürgisch-sächsische
Zeitungswesen in Schäßburg von seinen Anfängen 1869 bis
1900 recherchiert und geschrieben hat!
Das Referat hat drei Kapitel, da insgesamt drei Zeitungen im 19. Jahrhundert
in Schäßburg erschienen sind: „Sächsisches Volksblatt“,
„Schäßburger Anzeiger“, „Groß-Kokler
Bote“.
In der Einleitung wird das siebenbürgische Zeitungswesen kurz umrissen.
Die erste siebenbürgische Zeitung erschien in Hermannstadt 1778 unter
dem Namen „Theatral Wochenblatt“. Es folgte 1784 „Siebenbürger
Zeitung“, 1837 „Siebenbürger Wochenblatt“, 1862
„Bistritzer Wochenblatt“, 1863 „Broser Anzeiger“
und 1869 das „Sächsische Volksblatt “ in Schäßburg.
Es folgt anschließend eine kurze Beschreibung des sächsischen
Volkslebens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wobei das
geistige Zentrum das bereits 1522 urkundlich erwähnte evangelische
Gymnasium war.
„Sächsisches Volksblatt“ 1869
Das erste politische Blatt Schäßburgs
Nachdem bereits seit 1852 das Programm des evangelischen Gymnasiums in
Schäßburg als regelmäßige Veröffentlichung
bei Gött in Kronstadt erscheint, kommt nun die erste Zeitung dazu,
die auch in Schäßburg redigiert und gedruckt wird. Es ist ein
politisierendes Blatt der Jungsachsen.
Die Jungsachsen waren eine politische Strömung, die für die
Vereinigung des Großfürstentums Siebenbürgen mit Ungarn
waren, während die Altsachsen dagegen für das Fortbestehen der
zentralen österreichisch-deutschen Kaisermacht in Wien stimmten.
Bekanntlich hatte 1867 der so genannte „Ausgleich“ zwischen
Österreich und Ungarn stattgefunden, in dem bereits eine Teilung
in eine Doppelmonarchie Österreich-Ungarn stattgefunden hatte und
Siebenbürgen Ungarn zugesprochen wurde.
Ab dem 10. Januar 1869 erscheint jeden Sonntag, unter der Redaktion von
Daniel Kessler in der Druckerei von Friedrich Karner und Friedrich Jördens
die politisch-nationale und ökonomische Wochenzeitung „Sächsisches
Volksblatt“.
Die Redaktion befand sich im Pfarrgässchen Nr. 145. Dies ist das
Haus der Familie Bacon, welches zum Pfarrgässchen, heute die Nr.
2 trägt und durchgehend bis in die Schulgasse reicht, wo es heute
die Nr. 9 hat und sich durch einen Vorsprung in der Häuserzeile hervorhebt.
Über den Drucker und Herausgeber Friedrich Karner und den Redakteur
Daniel Kessler ist kaum etwas bekannt, jedoch wissen wir, dass der Kompagnon
der Druckerei Friedrich Jördens aus Lübeck stammt und 1869 nach
Schäßburg kam. Dies ist uns aus der Familienchronik seines
Sohnes Franz Jördens überliefert, in der er die Entstehung des
sächsischen Volksblattes beschreibt.
Die Zeitung bestand aus vier Seiten im Quartformat 22x34 cm. Der Inhalt
begann mit einem Leitartikel und anschließend folgten Lokalnotizen.
Der Leitartikel gab meistens die parlamentarischen Auseinandersetzungen
aus Budapest wieder. Weitere Rubriken waren: Nachrichten aus dem Schäßburger
Stuhle, kirchliche Gemeindevertretung, Vereinsnachrichten, Marktbericht
und Inserate unter dem Titel „Schäßburger Anzeiger“.
Ein Supplement des Blattes hieß : „Landwirten- und Gewerbe-Zeitung“.
Weitere Berichte behandeln den Eisenbahnbau. Besonders erwähnenswert
wäre noch die Diskussion über den freien Königsboden, der
bereits enteignet wurde. Die Jungsachsen, auch „Grünen“
genannt (zum Unterschied zu den Altsachsen, die als „Schwarze“
bezeichnet werden), sind mit dieser einschneidenden Veränderung einverstanden
und verlangen bloß eine „Freie Hand“ in der Eigenverwaltung.
Ebenso schreibt sich die Zeitung die Aufhebung der Zünfte zugute.
Ihr Erscheinen wird nach nur 10 Monaten auch aus Geldmangel eingestellt.
„Schäßburger Anzeiger“, später „
Schäßburger Zeitung“
Das erste Schäßburger Informationsblatt 1872–1900
Bereits zwei Jahre später erscheint unter dem Besitzer, Verleger
und Redakteur Friedrich Jördens und seinem Teilhaber, dem Buchbinder
Friedrich Kraner, in der kleinen und bescheidenen Druckerei im Bacon’schen
Haus eine neue Zeitung. Zwischen den beiden Besitzern bestand eine schwierige
Beziehung. Die Druckerei besaß eine alte Druckpresse aus Holz, noch
aus der Pionierzeit der „schwarzen Kunst“. Bereits nach Jahresfrist
konnte eine neue Druckerpresse gekauft werden.
Die beiden Söhne von Friedrich Jördens beschreiben das schwere
Dasein bei der Geburt dieser Zeitung, da sie auch gleichzeitig, trotz
ihres jugendlichen Alters von 12 und 14 Jahren, als Lehrjungen dabei waren.
Als im Jahr 1879 der Vater Friedrich Jördens stirbt, übernehmen
die beiden unter den Namen „Brüder Jördens“ die
Zeitung und führen sie bis 1901 weiter. Die Redaktion ist später
in der Kleinen Mühlgasse Nr. 835 und ab 1873 in der Baiergasse 811
und nach 1875 auf dem Marktplatz 193.
Die Zeitung enthielt mehrere Rubriken: Amtliches, Feuilleton, Tagesnachrichten,
Landwirtschaftliches, Nationalökonomische Notiz, Gästeliste,
Totenliste und Inserate. Von 1880–1896 wurde ein illustriertes Sonntagsblatt
als Beilage mitgeliefert, welches von G. Ereiner in Stuttgart herausgegeben
wurde.
Die Ausrichtung der Zeitung ist keine politische, sie beschränkt
sich auf die Berichterstattung von Tagesereignissen, ohne diese politisch
zu interpretieren. Dafür greift sie jedoch größere Themen
auf und stellt sie ihren Lesern dar. So z. B. „Was ist Sozialismus“,
oder „Die Rolle der deutschen Muttersprache und deren Probleme“.
In einer anderen Nummer werden die „Probleme der siebenbürgischen
Rumänen“ mitfühlend behandelt. Der Beginn der Frauenbewegung
unter der Schäßburgerin Therese Bacon auf internationalem Parkett
wird ebenfalls hervorgehoben. Auch der Gegensatz zwischen Zünften
und Mechanisierung kommt in einem Artikel „Hand und Maschinenarbeit“
nicht zu kurz.
Zurückblickend hat die Zeitung mit ihrem informativen Charakter zur
Erweiterung des Allgemeinwissens der Bevölkerung beigetragen.
Nach 29 Jahren des Erscheinens wird 1901 der Name des Schäßburger
Blattes in „Schäßburger Zeitung“ umbenannt und
weitergeführt.
„Groß-Kokler Bote“
Amtsblatt des Groß-Kokler Komitates
1876 wurde das Großfürstentum Siebenbürgen dem ungarischen
Teil der Österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie zugeordnet. Dadurch
verloren die Sachsen ihre Vorrechte und den freien Königsboden. Die
sächsischen Stühle wurden aufgelöst und Komitate gegründet.
Das Groß-Kokler Komitat mit der Hauptstadt Schäßburg
umfasste folgende ehemalige sächsische Stühle: Schäßburg,
Reps, Mediasch, Reußmarkt, Leschkirch (teilweise), Großschenk
(teilweise).
In dieser Zeit erscheint am 19. Februar 1879 ein Amtsblatt des neuen Komitates,
„Groß-Kokler Bote“ genannt.
Friedrich Kraner hat in der Zwischenzeit seinen Anteil an der Druckerei
an den Arkedener Pfarrer Georg Binder veräußert. Als Besitzer
nimmt dieser einen gelernten Buchdrucker, einen gebürtigen Schäßburger
namens Friedrich J. Horeth, als Kompagnon auf, der ab 1880 dann der alleinige
Besitzer wird.
Die Zeitung umfasst vier Seiten und wird aufsteigend nummeriert. Sie trägt
zunächst den Titel „Groß-Kokler Bote – Wochenblatt“
und erscheint jeden Sonntag. Ab 1882 wird daraus „Groß-Kokler
Bote“ – Amtliches Kundmachungsblatt des Groß-Kokler
Komitates, bis 1918.
Das Blatt enthielt einen Leitartikel, Tages- und Lokalnachrichten, Allgemeine
Nachrichten, Verschiedenes, Stimmen aus dem Publikum, Feuilleton, Effekten-
und Wechselkurse und Fremdenliste. Der Sitz der Zeitung, Redaktion und
Druckerei war bis 1944 das Haus der Familie Horeth, zwischen Marktplatz,
Spitalsgasse und Martin-Eisenburger-Gasse.
Bedeutende Mitarbeiter der Redaktion waren der Dichter Michael Albert,
J.B. Teutsch, J. Fröhlich, W. Melzer, Johann Leonhard, Samuel Both
und J. Hess.
Allerdings hatte die Zeitung keine Korrespondenten in den übrigen
Städten des Komitates und somit erwuchs eine Konkurrenz zu Mediasch,
in der lokalbewusster das „Mediascher Wochenblatt“ erschien.
Die Zeitung beschäftigte sich überwiegend mit dem kulturellen
Leben und nicht mit der Politik. Davon abgesehen, gab es ab und an Artikel
über sozialkritische Belange, wie der von Otto Wittstock „Grün
oder Schwarz“.
Auch das neue ungarische Schulgesetz und dessen Gegensatz zur deutschen
Sprache und Schule konnte politisch nicht ausgespart werden. Ebenso waren
auch die Rumänen benachteiligt – eine Dreierbeziehung, die
sich durch die ganze neuere Geschichte Siebenbürgens zieht.
Die Zeitung prangert auch den aufkommenden Antisemitismus in Ungarn an
und ist sowohl gegen den Antisemitismus wie auch gegen den Sozialismus
des aufkommenden 20. Jahrhunderts.
Alles in allem hat der junge, aufstrebende Rumäne Nicolae Tes¸cula?,
in einem Referat für seine zukünftige Doktorarbeit durch das
Studium der Schäßburger sächsischen Presse des 19. Jh.
eine hervorragende Arbeit geleistet, in der er die deutsche Vergangenheit
dieser unserer Vaterstadt Schäßburg für das 21. Jh. aufbereitet.
Ich, meinerseits werde weiterhin an dem Fotokopieren und Sammeln der Schäßburger
Zeitungen arbeiten und möchte hiermit auch alle Schäßburger
und Nicht-Schäßburger aufrufen, mir dabei behilflich zu sein,
um letztendlich all die tausenden von Informationen, die in den Zeitungen
stecken, den geneigten Lesern in Zukunft elektronisch zugänglich
zu machen.
Dr. med. Rolf Schneider (Oberhausen)

Letztes Update:
2006-04-21
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
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